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Populationsgenetik: Die Geister, die ich rief...
Ich möchte in einem ganz kurzen Abriss ein paar Worte zum Thema Populationsgenetik verlieren, da mir dieses Problemfeld ganz besonders am Herzen liegt.
Es sei zu diesem Thema wärmstens das Buch "Hundezucht 2000" von Hellmuth Wachtel (Verlag Gollwitzer) empfohlen. Ich mache nicht gerne Werbung, aber dieses Buch sollte jeder verantwortungsvolle Züchter oder Züchteranwärter unbedingt einmal aufmerksam gelesen haben, zumal bei einer zahlenmässig so kleinen Rasse wie der des Tollers!
"Populationsgenetik" bedeutet: Es geht um die Genetik innerhalb einer abgeschlossenen Population, also einer Anzahl sich untereinander fort pflanzender Lebewesen. Dies ist zum Beispiel eine Hunderasse.
Die Rasse Nova Scotia Duck Tolling Retriever ist eine sehr kleine Population. Da die Anzahl der bei der FCI offiziell registrierten und anerkannten Toller noch viel kleiner ist als die Anzahl der tatsächlich weltweit existierenden Toller, kann man sich ausrechnen, wie wenige Toller sich insgesamt unter diesem Dachverband nur untereinander fort pflanzen (Es gibt ja sehr viele "wild gezüchtete" Toller ohne FCI-Stammbaum, die zwar reinrassig, aber nicht registriert sind).
Das bedeutet, die "Tollerfamilie" ist sehr klein. Die Hunde, welche verpaart werden, sind irgendwo hinten in ihrem Stammbaum alle mehr oder weniger miteinander verwandt.
Du kannst das leicht fest stellen, wenn Du Dir mal ein paar Stammbäume über fünf Generationen anschaust.
Dass es bei Menschen nicht erlaubt und geächtet ist, dass enge Verwandte miteinander Kinder zeugen, hat seinen guten Grund. Es führt nämlich gehäuft zu sogenannten Erbdefekten, welche sich als Krankheiten äußern können.
Genauso ist das bei Hunden auch.
Warum das so ist, kannst Du in einem Buch über Genetik nachlesen, zum Beispiel dem oben genannten. Grob gesagt hat der Effekt mit rezessiven Genen zu tun, die von nahe verwandten Individuen beiderseits vererbt werden und dann in den Nachkommen zusammen kommen. Eine nähere Ausführung zu Grundprinzipien der Vererbung führte an dieser Stelle zu weit.
Leider war es bei den Züchtern früher in Mode, eng verwandte Hunde miteinander zu verpaaren. Man versprach sich davon, gute Eigenschaften zu "festigen". Das Geschah teilweise auch. Leider "festigte" man dabei aber auch unerwünschte Eigenschaften, verminderte die genetische Vielfalt der Hunde und schaffte sich und der Rasse neue Probleme.
Inzucht oder Engzucht, also die Verpaarung von Verwandten, führt unweigerlich zu einem Effekt, den man "genetische Verarmung" nennt.
Die Folgen sind die heute in allen Hunderassen in erschreckend hohem Maße bestehenden Erbkrankheiten (Gelenke, Augen, etc.), aber auch eine allgemeine abnehmende "Immunfitness". Diese kann unter anderem z.B. zum gehäuften Auftreten von Krebs führen.
Auch (unerwünschte) Wesensmerkmale können Folge der genetischen Verarmung sein, daneben typischerweise Fruchtbarkeitsstörungen. Dies ist die Antwort der Natur: Nein, dieser Gen-Konformismus soll nicht sein!
Auch wenn direkte Inzucht mittlerweile zum Glück nicht mehr sehr häufig anzutreffen und begrüssenswerterweise in vielen Rassehundeclubs verboten ist, wird der Effekt durch "Linienzucht" in abgemilderter Form nur zeitlich gestreckt und auf die Zukunft verschoben. Daher sind die resultierenden Defekte aus dieser Zuchtmethode auch nicht mehr so unmittelbar erkennbar, was einen trügerischerweise in "falscher Sicherheit" wiegt.
Es ist sehr wichtig, dass wir nun versuchen, die genetische Vielfalt in unserer Rasse möglichst nicht noch enger werden zu lassen.
Dazu muss beachtet werden, dass möglichst viele Tiere, die nicht aus einem wichtigen Grund von der Zucht auszuschließen sind, in die Zucht gelangen können. Selbstverständlich müssen die "vier Säulen" (siehe oben) von einem Zuchthund stets erfüllt werden.
Auch ist es wichtig, dass nicht immer dieselben, wenigen "Mode-Rüden" eingesetzt werden. Beispielsweise bei den Golden Retrievern (aber beileibe nicht nur dort!) ist leider ein Trend in diese Richtung vorhanden. Vererbt nun dieser so tolle Mode-Rüde ein Problem, welches sich erst in der nächsten oder übernächsten Generation offenbart, hat man das Problem in der Rasse großzügig verteilt und manifestiert.
Bevor Du Dich für eine Verpaarung entscheidest, studiere ganz genau die Stammbäume der Hunde, und zwar möglichst nicht nur bis zur vierten Generation. Stößt Du bei beiden Hunden auf dieselben Vorfahren, vielleicht sogar auf mehrere identische Vorfahren schon in der Großeltern- oder Urgroßeltern-Generation, überlege es Dir besser noch einmal!
Je weniger / weiter zurück liegende gemeinsame Vorfahren, umso besser.
Und: Lass´ Dir nicht hinein reden, lieber doch den tollen, bekannten und "geradlinigen" Vererber zu wählen! Du weißt am besten, welcher Rüde mit Deiner Hündin optimal harmoniert und zu Deinem Zuchtziel passt. Wenn das ein lieber, aufgeschlossener und obendrein noch hübscher Rüde ist, den Du bei der Jagd so toll hast arbeiten sehen, und wenn er auch gesund ist und eine Zuchtzulassung hat, das ist das eben "Dein" Deckrüde, sei er noch so ein "no name"!
Leider wird in vielen Büchern über Hundezucht das Thema Engzucht / Inzucht in einer Weise thematisiert, die das Interesse für diese Zucht"technik" geradezu noch verstärkt. Es ist die Rede von einem "anspruchsvollen, mitunter heiklen Instrument", welches "in der Hand eines erfahrenen Züchters allerdings wahre Wunder vollbringen" könne.
Engzucht kann niemals etwas Gutes vollbringen!
Mit der Kompetenz und "Erfahrung" des Züchters hat dies nichts zu tun, denn die genetischen Gesetzmässigkeiten gelten für alle gleich!
Wird in unserer Rasse weiterhin Engzucht betrieben und durch übertriebene Zuchtvorschriften der Genpool weiterhin künstlich verkleinert, wird dies auf Dauer das Ende der (gesunden) Rasse (und der Rassehundezucht überhaupt) sein.
Ich zitiere abschließend:
Dr. Peter G.M. Prins, Sekretär Raad van Beheer op kynologisch Gebied, Niederlande:
"Het is viif voor twaalf en misschien nog wel later."
(Es ist fünf vor Zwölf und vielleicht noch viel später.)
R.G. Beilharz, Genetics and Hereditary Diseases, Universität Melbourne, Australien, 1991
(aus dem Englischen übersetzt):
"Ich habe Ahnentafeln mit der Paarung enger Verwandter gesehen.
Wenn ich als Genetiker mit einer solchen Zucht beauftragt wäre, würde ich, aufgrund des vorhandenen genetischen Wissensstandes, mit einer Anzeige zu rechnen haben. Wie lange noch können Züchter, zur Verteidigung gegen die Anschuldigung, defekte Produkte zu liefern, sich noch auf Unwissenheit berufen?"
(Zitate entnommen aus "Hundezucht 2000" von Hellmuth Wachtel, Verlag Gollwitzer, 1997) ***
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